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„Solange Du nicht weißt, was Du tust,
kannst Du nicht tun, was Du willst.“
Moshé Feldenkrais

Wie oft haben wir von unserem Reitlehrer wiederholt dieselbe Anleitung in nur einer einzigen Stunde gehört? Vielleicht: „Unterschenkel zurück!“, „Kopf hoch!“ oder „Locker sitzen!“. Und wie denken wir immer wieder über diese Anweisungen? Welche Gefühle steigen hierzu in uns auf? Vielleicht: „Ich habe meine Unterschenkel doch zurückgelegt!“, „Noch höher kann ich meinen Kopf doch nun wirklich nicht heben!“ oder „Das lerne ich sowieso nie mehr!“. Könnten wir in demselben Augenblick in den Spiegel schauen, würden wir häufig erschreckt sehen, dass unsere Unterschenkel kurz vor der Pferdeschulter herumflattern und der von einem festen (schmerzenden) Genick getragene Kopf sein Kinn nahezu auf dem Brustbein ablegt. Wie ist es nur möglich, dass wir tatsächlich nicht wissen, was wir tun? Und wieso gelingt es uns trotz allergrösster körperlicher Anstrengung und sehr viel Willenskraft nicht, den Aufforderungen unseres Lehrers nachzukommen?
In einer zielstrebigen Lernsituation, die auf Leistung ausgerichtet ist, eignen wir uns Verspannungen und unbewusste einschränkende Bewegungsmuster an. Darüber hinaus resultieren aus einem ehrgeizigen Lernprozess dieser Art häufig auch Stress und Angst. In dieser Stimmung verkrampfen wir uns und stoppen den freien Atemfluss. Wir halten uns starr vom Sattel fern, anstatt uns geschmeidig über den Pferderücken tragen zu lassen. Auch Willenskraft kann uns nicht über unsere ungenügende Beweglichkeit und Koordination hinwegtäuschen, wenn wir beispielsweise nur mit Mühe unser Pferd abwenden können und auf der gebogenen Linie bleiben wollen.
Wir benutzen die Muskeln, die für Bewegungsarbeit vorgesehen sind zum Aufrichten und Balancieren unseres Skeletts. Das Reiten wird unverhältnismäßig anstrengend. Unser Selbstbild, bestehend aus unserem Denken, Fühlen, Handeln oder unseren Bewegungen und unseren Sinnesempfindungen, ist unvollständig. Wo wir uns im eigenen Körper nicht spüren, können wir uns nicht gemäß unserer Absicht leicht bewegen. Eine Bewegung, die wir uns nicht vorstellen können, können wir nicht ausführen. Der unablässige Glaube, dass Reiten sowieso nie mehr lernen zu können, wird sich Stunde für Stunde in zunehmender Unbequemlichkeit und Beklommenheit auf dem Pferd für uns bestätigen. Die Eigenwahrnehmung ist unzuverlässig und so kommt es, dass unser Gefühl (beispielsweise der Unterschenkel liegt
hinten) nicht mit unserem tatsächlichen Handeln (der Unterschenkel liegt vorne) übereinstimmt.
Wir können kaum den eigenen Körper kontrollieren, geschweige den des Pferdes harmonisch auf vorgegebenen Linien dirigieren. Mangelndes Gleichgewicht und grobmotorische Hilfengebung machen die Verständigung mit dem Pferd unklar. Mit geringem Vertrauen in das Pferd sowie in den eigenen Körper und seine Fähigkeiten, möglicherweise sogar unter Schmerzen, bleiben wir gemeinsam mit dem Pferd weit hinter unseren ursprünglichen Möglichkeiten zurück. Allmählich verlieren wir den Spaß am Reiten und vielleicht sogar die Liebe zum Pferd.
Immer kommen wir über Bewegung in Kontakt und Kommunikation mit dem Pferd. Die Qualität unserer Bewegung entscheidet über die Verständlichkeit unserer Sprache zum Pferd. Diese wird präziser, wenn wir unsere Eigenwahrnehmung schulen. Die Bewegungsqualität zu verbessern und daraus unser Denken, Handeln und Fühlen in Einklang zu bringen, damit uns das Pferd versteht, erleichtert eine körperbewusste Reitlehre, die Wissen aus ganzheitlichen Bewegungslehren, besonders der Alexander Technik und der Feldenkrais Methode®, in das klassische Reiten integriert. Vor dem Hintergrund dieser Körper-Geist-Arbeit ist beispielsweise das Heben des Kopfes für die Verbesserung von Sitz und Einwirkung nie nur eine isolierte Kopfbewegung. Es ist eine Bewegung des ganzen Körpers, bei der sich alle Körperteile danach ausrichten. Wir können lernen zu spüren, inwieweit das Heben des Kopfes eine Rückwirkung in unserem Rücken, Becken oder sogar bis in unsere Füße hat. Danach fühlen wir selbst, ob dadurch unser Sitz bequemer und die Hilfengebung eindeutiger werden oder nicht. Im Gegensatz zum rein mechanischen Reitenlernen, wo es darum geht, was man auf dem Pferd tun sollte, ermöglicht die körperorientierte Lernmethode ein Gefühl dafür zu entwickeln, WIE der Reiter seinen Sitz organisieren und seine Einwirkungen koordinieren kann für das, was er dem Pferd mitteilen möchte. Individuelle Varianten sind erlaubt.
Vorausgesetzt wird, dass es zwischen Reiter und Pferd ständige Wechselwirkungen auf physischer, psychischer und mentaler Ebene gibt. Dadurch beeinflussen steife Gelenke und verkürzte Muskulatur beim Reiter den Pferdekörper an den entsprechenden Stellen. Auch die Angst des Menschen überträgt sich auf das Pferd und umgekehrt. Das Gleichgewicht des Pferdes und die Balance des Reiters bedingen sich gegenseitig.

Die einzelnen Unterrichtsthemen der Reitstunden werden theoretisch und praktisch mit Körperarbeit im Raum vorbereitet. Diese Lektionen bieten eine achtsame Entdeckungsreise in den eigenen Körper an. Gleichzeitig sind sie selbsterfahrbare Anatomie, Grundkenntnisse zum eigenen Skelett können erfühlt werden. Hier beginnen wir in Ruhe unser Selbstbild zu erweitern. In uns wächst eine Beziehung zur gesamten Körperoberfläche, zu allen Knochen und Gelenken. In einer stressfreien Lernsituation werden wir aufmerksam für bisher unerkannte Spannungen und nehmen gewohnte Bewegungsmuster bewusst wahr. In der differenzierten Selbstbeobachtung erleben wir uns im ganzen Körper feinmotorisch verbunden. Ohne durch den Bewegungsablauf des Pferdes und durch Angst beeinflusst zu sein, kann eine eigene innere Balance für den Sitz des Reiters entdeckt werden.
Unabhängig von einem Schwerpunktthema eines Kurses werden stets folgende Grundlagen für die Balance gelehrt:
· Gebrauch der Augen zu den eigenen Bewegungen und ihr Einfluss auf das Gleichgewicht.
· Atmung als Grundlage für körperliche Losgelassenheit und freie Bewegung.
· Erspüren des eigenen Schwerpunktes als Zentrum für Kraft, Kontrolle, Richtung, Stabilität und Mobilität.
· Bausteine bauen für die Balance. Bedeutung der Füße als Fundament für das Gleichgewicht („Erdung“). Hilfen für die Anordnung der einzelnen Körperteile in der Balancelinie von Ohr, Schulter- und Hüftgelenk sowie Mittelfuß, um sich in Einklang mit dem Schwerpunkt des Pferdes zu befinden.
· Erspüren einer freien Beweglichkeit zwischen Genick und Halsansatz für die optimale Koordination von Kopf, Hals und Rumpf (Primärkontrolle aus der Alexander Technik). Dies begünstigt Leichtigkeit in der Aufrichtung und das Finden des eigenen Zentrums und der „Erdung“.
Das aufmerksame Betrachten dieser Grundlagen setzt Neugierde und die Bereitschaft voraus, Erfahrungen jenseits der Gewohnheit im Raum wie auf dem Pferd zuzulassen und zu erlauben, dass das, was ursprünglich geschehen möchte, auch geschehen darf.

Heben der Hand über die Körpermitte, seitliche Balance finden
Die Selbsterfahrung aus dem Raum wird nachfolgend auf dem Pferd fortgesetzt. Aus dem zunächst absichtslosen Prozess wird angestrebt, sich im fortschreitenden Verlauf auch in den zielgerichteten Bewegungen für die Hilfengebung bewusst zu spüren. Typisch für den körperorientierten Lernansatz ist, dass wir uns zuerst Zeit nehmen, auf dem Pferd anzukommen. Dieses Ankommen im Sattel geschieht einerseits auf dem stehenden Pferd mit Körperarbeit (sanfte manuelle Bewegungsvorschläge) für den Reiter zur Verbesserung seines Grundsitzes. Andererseits darf der Reiter auf dem im Schritt geführten Pferd die Augen schließen, um über die Vorstellung von Bildern und das Experimentieren mit ungewohnten Bewegungen in den für ihn individuell möglichen und optimal entspannten Grundsitz zu finden. Das spielerische Erkunden der Grundlagen für die Balance gestattet übermäßige Muskelspannungen im Sitz des Reiters abzubauen. Über Entspannung können die notwendige und angemessene Grundspannung gefunden und alternative feinmotorische Bewegungsmuster ausprobiert werden. Der Reiter lernt sich über sein Skelett auszubalancieren. Seine Muskulatur wird von unzweckmäßiger Haltungsarbeit befreit. Sie kann sich funktional aufbauen. So werden freie elastische Bewegungen für ein harmonisches Zwiegespräch zwischen Reiter und Pferd im Gleichgewicht möglich.
Der Sportreiter fördert bei angemessenem Kraftaufwand seine athletischen Fähigkeiten, die Eleganz und Ausstrahlung seiner Darbietung. Der Freizeitreiter erlebt mehr Leichtigkeit, Selbstvertrauen und Freude mit dem Pferd. Das Pferd antwortet auf den freien, gefühlvoll ausbalancierten Sitz des Reiters mit einer verbesserten Selbsthaltung im Gleichgewicht, mit einem schwingenden Rücken, größeren und geschmeidigeren Bewegungen im Takt sowie verbesserter Koordination.
Die Balancearbeit am Skelett und Nervensystem über Visualisationen und ungewohnte Bewegungen fordert die Bereitschaft alte Erfahrungen hinter sich zu lassen und sich vertrauensvoll dem zu überlassen, was natürlicherweise passieren möchte. Bei der Entwicklung unserer reiterlichen Fähigkeiten geht es oft weniger um vermehrte Aktivität und Anstrengung. Vielmehr ist ein kurzes Innehalten notwendig, um daraus übermäßige Spannungen und einschränkende alte Bewegungsmuster zu lassen. Von innen wächst so allmählich ein vertieftes Vertrauen in den eigenen Körper und seine Fähigkeiten heran. Wir finden eine Sicherheit in uns, die auf das Pferd ausstrahlt.
In den Reitstunden können wir ein Gespür dafür entwickeln, wie das Pferd seinen Körper in den drei Grundgangarten unter uns bewegt. Gleichzeitig lernen wir mit dem zuvor im Raum erhöhten Gefühl für unseren ganzen Körper, wie wir dem Pferd weich im Schritt, Trab und Galopp folgen können. Dazu reiten wir in verschiedenen Sitzarten: Grundsitz, Entlastungssitz, Leichttraben. In den einzelnen Sitzarten wiederum erforschen wir Varianten, damit unser Körper flexibel wird. Körperteile, die zuviel arbeiten und verspannt sind, werden entlastet. Körperteile, die bisher passiv waren, werden in die Bewegungen zum nachfolgenden Sitz einbezogen. Schritt für Schritt verteilt der gesamte Körper die Bewegungen zum federnden Ausschwingen der jeweiligen Gangart des Pferdes gleichmäßig in sich. Wir spüren alleine, ohne Anleitung des Lehrers , ob unser Unterschenkel uns etwas weiter vorne, hinten oder genau dort, wo er sich jetzt befindet, in unserem Gleichgewicht unterstützt oder nicht.
Jetzt wissen wir, was wir tun, denn wir haben bewusst aus mehreren Möglichkeiten das Beste für uns gewählt. Und jetzt können wir auch Unbequemlichkeiten im eigenen Körper über das selbständige Experimentieren mit Sitzvarianten abbauen. Wir werden autonom. Unabhängig von einer im Lehrbuch vorgeschriebenen idealen äußeren Form, bleibt die eigene sicher erspürte Balance im Sitz erhalten.
Auch hinsichtlich der Zügelführung akzeptieren wir nicht nur eine einzige ideale Handhabung, sondern wir experimentieren mit diversen, ungewohnten Zügelhaltungen und wählen daraus die für uns und unser Pferd geeignetste Alternative. Zeitgleich erarbeiten wir damit eine bewegliche und feinfühlige Zügelhand und ihre Verbindung zur Körpermitte.
Genauso können wir lernen ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie und wann wir eine Hilfe für das Reiten der Gangarten oder Lektionen geben. Mit dem zuvor sensibilisierten Körpergefühl nehmen wir die Fußfolge in den Grundgangarten und die Veränderung der Balance des Pferdes von hinten nach vorne und zwischen innen und außen in den Lektionen differenziert wahr. Es ist möglich, genau den passenden Zeitpunkt etwa für eine treibende Hilfe in die nächsthöhere Gangart zu erspüren oder für das Abwenden auf eine gebogene Linie.
Spüren wir uns vom Kopf bis in die Füße, organisieren wir die Veränderung in unserem Gleichgewicht von einer Gangart zur anderen oder von der geraden zur gebogenen Linie nahezu spielerisch und erleichtern dem Pferd dieselbe Balanceveränderung. Auch können wir den Rhythmus für die unterstützende Hilfengebung innerhalb einer Gangart oder in der Wendung in uns aufnehmen. Wir haben zuvor im Raum gelernt, eine Bewegung zu denken. Jetzt auf dem Pferd sind wir in der Lage, aus dem Erspüren und Vorstellen der Bewegung von Reiter und Pferd Einfluss auf die Gestalt der Bewegung im Schritt, Trab, Galopp oder auf der gebogenen Linie zu nehmen.

Mit dem zuvor erarbeiteten Gefühl für die subtilen lateralen wie diagonale Verbindungen in unserem Körper wird die Koordination und das Timing für das Zusammenspiel der diversen Reiterhilfen leicht. Sind die Grundlagen für die Balance und das Rhythmusgefühl integriert, stellen sich schnell zum geschmeidigen nachfolgenden Sitz, klar verständliche Hilfen aus den Hüftgelenken, Sitzbeinen und Schenkeln für das Pferd ein. Eine dazu koordinierte und sanft nach vorne ausfühlende Hand ist die selbstverständliche Folge aus dem frei ausbalancierten und beatmeten Reiter, der sich aus der Körpermitte heraus in alle Richtungen hineinspürt und ausrichten kann.
Im Kontakt mit uns selbst und dem Pferd können wir die Fähigkeit entwickeln, uns organisch gesund und ganzheitlich zu organisieren. Die köperbewusste Lernmethode ermöglicht die Vorbeugung und Auflösung der charakteristischen Verschleißerkrankungen der Reiter (Bandscheiben- und Hüftgelenkschäden, Schmerzen an Knie- und Fußgelenken). Wir erlernen gemeinsam mit dem Pferd einen langfristig gesunden Gebrauch unseres Körpers.
Die erlebten subtilen Erfahrungen können für uns einen sehr individuellen Wachstumsprozess initiieren. Das Pferd spiegelt unser Selbstbild in Haltung und Bewegung. Sind wir bereit, in diesen Spiegel hineinzuschauen, können wir die Pferde als unsere Lehrer respektieren. Die Begegnung mit ihnen kann ein Weg zu unserem Selbst sein, in aufmerksamer Selbstbeobachtung zu mehr Bewusstheit und Entscheidungsfreiheit hinsichtlich unserer Denk-, Handlungs- und Gefühlsmuster.
Die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Balance kann insofern Einfluss auf unsere Lebenseinstellung und -führung haben, als wir den Kontakt zu uns selbst sehr intensivieren. Dies erlaubt uns deutlicher wahrzunehmen, was wir brauchen, was uns entspricht, womit wir zufrieden sind, wann wir über- oder unterfordert sind oder zu sehr von außen fremdbestimmt. Der Unterricht bietet ausreichend Zeit zur Selbstbeobachtung. Sowohl in den Körperlektionen als auch auf dem Pferd können wir an uns überprüfen, wann wir uns erfreuen an dem, was uns leicht gelingt. Oder ob es unsere Gewohnheit ist, auf das zu schauen, was uns misslingt? Sind wir mit dem, was ist oder eher bei dem, was sein sollte? Sind wir in einer für uns schwierigen Lernsituation eher ungeduldig, frustriert und werten uns ab? Oder können wir neugierig interessiert und gespannt auf einen lebenslangen Lernprozess sein?
Im Kontakt mit unserer Mitte gehen wir bewusster und respektvoller mit uns selbst und anderen um. Aus dem Kennenlernen zwischen Mensch und Pferd kann für uns der Prozess hervorgehen, das Lernen neu zu lernen: „Lernen kann Früchte tragen nur, wenn der ganze Mensch dabei bereit ist zu lächeln und dieses Lächeln jederzeit und unmittelbar in Lachen übergehen kann.“ (Moshé Feldenkrais).
Diese Art des Lernens erzeugt Integration des Gelernten, Spontanität und Freude. Es bewahrt und vergrößert unsere Begeisterung und Leidenschaft für die Pferde und das Reiten. Lernen, das für uns persönlich bedeutsam ist, erhöht unsere Lebensqualität!
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